Auf dieser Seite sollen zukünftig Erfahrungsberichte von Betroffenen dargestellt werden. Wahre Erlebnisse, Freudiges und auch Trauriges sollen hier einen Platz finden.

 

Erfahrungsbericht zum Thema: Extreme Frühgeburt
Wie schnell man sich mit diesem Thema zu befassen hat, konnte ich mir nie vorstellen.Zu meinem “Fall”: Im November 2000 wurde ich schwanger und ich hatte eine ganz normale Schwangerschaft, die bis zum 31. März 2001 keinerlei Komplikationen anzeigte. Ich war 26 Jahre alt und Ende der 20. SSW, als plötzlich Blutungen anfingen, sofort wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert. Dort wurde eine Muttermundöffnung mit Vortritt der Fruchtblase diagnostiziert.
Die Ärzte versuchten per OP die Blase zurückzuschieben und den Muttermung zu verschließen. Leider platzte dabei die Fruchtblase, das Kind konnte jedoch stabilisiert werden.
Über eine Woche lag ich mit Wehenhemmer und Antibiotika im Bett. Trotz Antibiotika bekam ich eine Infektion und hatte immer stärkere Wehen. Das Krankenhaus konnte die Schwangerschaft nicht mehr aufrechterhalten und fragte mich, ob ich noch in eine Spezialklinik verlegt werden möchte. So kam ich anch Ulm auf die Gynäkologie. Wie durch ein Wunder stabilisierte sich mein Zustand nochmals um 4-5 Tage, in denen ich zwei Lungenreifespritzen für das ungeborene Kind erhielt. Dazu hatten mein Freund und ich noch ein Gespräch mit einem der Kinderärzte, die uns unmissverständlich klar machten, in welch scheinbar ausweglosen Situation wir uns befanden. Er meinte, bei einer Geburt zu diesem Zeitpunkt, hätte das Kind eine Überlebenschance von 20-30%, dazu läge die Gefahr einer Behinderung bei 70-80%. Wir sollten selbst entscheiden, ob wir das Kind nach der Geburt versorgen lassen oder bei uns im Arm sterben lassen sollen.
Für mich kam nur die erste Möglichkeit in Frage.

Chiara, wenige Tage nach ihrer Geburt am 16.04.2001

Genau am Ostersonntag, 15. April 2001, wurden die Wehen so schlimm, dass ich es kaum aushalten konnte, nachts um 23.30 Uhr wurde ich dann in den Kreissaal gefahren. Mein Freund war Gott sei Dank dabei und zwei echt liebe Hebammen kümmerten sich um mich. Nur die Gynäkologin war ein echter Graus. Sie gab meinem Kind keinerlei Chancen. Außerdem wurde bei mir kein Kaiserschnitt gemacht, ich mußte spontan gebähren, was natürlich noch ein enormes Risiko und Stress für das Kind darstellte.
Dann, am Ostermontag, 16. April 2001 um 6.09 Uhr erblickte unsere Tochter Chiara Lea das Licht der Welt, in der 23.SSW + 3 Tage und mit 510g Geburtsgewicht. Sie wurde sofort zum Reanimationsplatz getragen. Ich erfuhr zu diesem zeitpunkt nur, dass es ein Mädchen sei, dann bekam ich eine Vollnarkose und eine Ausschabung. Als ich wieder aufwachte meinte Jochen (mein Freund), dass Chiara lebe und auf der Intensivstation sei.
Nach einigen Stunden bekam ich das erste Foto von ihr. Und bald besuchte ich sie das erste Mal. Für mich waren nicht die Geräte und Schläuche so schlimm, sondern, wie winzig und dünn sie war. Ich streichelte ihre Hand und heulte sofort los. Ab diesem Moment hatte ich eine so innige Beziehung zu Chiara, dass ich keine Minute mehr ohne sie sein wollte.

Chiara, ca. 4 Wochen alt

Zur Ernüchterung dann die medizinischen Fakten: Sie hatte beidseitig einen Pneumothorax, dafür Schläuche in beiden Lungenflügeln, wurde vollständig beatmet und zeigte keinerlei Spontanatmung. Dazu beidseitige Hirnblutungen, die nur beobachtet werden konnten.

Chiara Anfang Juni 2001 in Aalen

Tage und Wochen der Angst gingen zähfließend vorbei. Die Ärzte in Ulm waren allesamt echt spitze. Ehrlich und doch menschlich. Nach 14 Tagen durfte Chiara das erste Mal auf meine Brust liegen, was das einzigste Highlight dieser Zeit war!!! Dazu verbrachte ich den ganzen Tag auf der Station, redete mit ihr und streichelte sie. Im Elternhaus lernte ich noch Heike kennen, deren Sohn auch in Ulm lag und wir verbrachten einige Zeit miteinander. In dieser Extremsituation war eine “Leidensgenossin” doch besser, als ein “Aussenstehender”. Ihr Sohn wurde völlig überraschend nach Aalen verlegt, Platzmangel auf der Station. Chiara folgte 6 Wochen nach ihrer Geburt und mit 975g aus demselben Grund.
In Aalen war alles familiärer und gemütlicher, wieder zogen die Wochen langsam vorbei. Bei jedem Fortschritt freute man sich, bei jedem Rückschritt war die Stimmung am Boden. Die Angst um das Kind ließ nur ganz langsam nach.

Anfang Juli, wieder zurück in Aalen

Bis Ende Juli 2001 war Chiara, mit einigen Extubationsversuchen, 16 Wochen an der Beatmungsmaschine. Sie bekam Bluttransfusionen, hatte 1 und 2 gradige Hirnblutungen, eine Beatmungslunge und ihre Augen mussten gelasert werden, da es im Augenhintergrund Einblutungen durch den Sauerstoffbedarf gab. Das hieß wieder: Transport nach Ulm, OP und ein großer Rückschritt in der Entwicklung. Nach 5 Tagen Ulm durften wir trotzdem wieder nach Aalen auf die Intensivstation.

August 2001 in der Hängematte

Ab dann funktionierte die Atmung besser, das Gewicht stimmte einigermaßen. Grund für ein Bleiben war nur noch die tägliche Essensmenge. Wir übten jeden Tag und bald konnten wir auf die Magensonde verzichten. Heike und ich waren den ganzen Tag zusammen auf der Station und versorgen unsere Kinder.

Nach vielen Abschlussuntersuchungen durfte Chiara dann endlich am 31. August 2001 mit knapp 50 cm und 3450g das Krankenhaus verlassen!!! 4 ½ Monate lagen hinter uns.

September 2001 - kurz nach der Entlassung aus dem Krankenhaus

Im Februar 2002

Chiara in ihrem neuen Bällebad - an ihrem ersten Geburtstag

 

November 2002

Heute ist Chiara 2 Jahre alt und ein ganz fröhliches Kind, ohne Behinderung. Laufen kann sie nun seit Mai 2003, wir haben Frühförderung und Physiotherapie hinter uns, machen noch Ergotherapie, Kinderschwimmen und Krabbelgruppe (nun ja Laufgruppe) mit anderen Frühchen.
Ihr linkes Auge schielt nach innen und ein Nystagmus beider Augen wurde schon viel besser. Außer, dass sie noch sehr dünn ist (82cm und 8500g) und wenig essen mag, haben wir echt in unserem größten “Schiksalsschlag” noch das größtmögliche “Glück” gehabt.
Ich schreibe diese zwei Wörter absichtlich in Anführungszeichen, da man nicht einfach anfangen darf zu jammern und kampflos aufzugeben, sondern alles nur menschenmögliche für unsere Frühgeborene tun muss! Es gibt in diesem fall auch kein Glück. Nur die medizinische Entwicklung und das menschliche Verhalten auf solchen Intensivstationen retten die kleinen “Würmer”. Ohne Ärzte, Gerätschaften, Erfahrungen und die enge Beziehung der Eltern zum Kind kann so ein Kampf nicht gewonnen werden.
Keiner der Wissenschaftler gab Chiara im Vorfeld eine Chance, ein gesundes Kind zu werden. Heute sieht man, dass es mehr gibt, als statistische Berechnungen. Das Leben sucht sich selbst seinen Weg und wir dürfen keine wirtschaftlichen Gründe dagegen stellen.
Wieviele Millionen Euro werden heute im Gesundheitssystem sinnlos verprasst???
Die Frühgeborenen haben es nur verdient, von uns die bestmögliche Versorgung zu erhalten.
Wenn Ihr noch Fragen habt oder Euch austauschen wollt, könnt Ihr mich gerne über bine-wanner@t-online erreichen.

Liebe Grüße,
Sabine Wanner mit Chiara

 

Eine kleine Fotosession vom 31. August 2003 - auf den Tag genau 2 Jahre nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus!

Im Gleichschritt mit Lucy

Zum Glück ist Chiara noch nicht allzu schwer

Gestreichelt werden ist immer schön!!

 

 

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