Beim "Stöbern" im Netz kamen immer wieder neue Fragen auf. Wem sollte ich mehr Vertrauen schenken: dem Politiker, der klar das wirtschaftliche im Hinterkopf hat, von dem ich aber erwarte, dass er sich bei den Praktikern informiert. Oder einem Mediziner, der an der Basis tätig ist, dem aber die Gesundheit, die Qualität seiner Arbeit und ein Menschenleben wichtiger ist als der wirtschaftliche Aspekt?

Also entschloss ich mich Kontakt zu verschiedenen Institutionen aufzunehmen und wartete auf die Beantwortung meiner Fragen. Ich schrieb Mails an Vertreter der Evangelischen und der Katholischen Kirche in Deutschland, an Professoren und Politiker.Leider kam bis jetzt noch nicht viel an Resonanz zurück. Habe ich mich schlecht ausgedrückt, werde ich als einzelne Person nicht ernst genommen oder befinden sich alle noch im Urlaub? Sei es, wie es ist, es besteht ja nach wie vor die Möglichkeit, mir zu antworten.

Die hier veröffentlichen Texte entsprechen alle dem Original und wurden von mir nicht verändert. Die Verfasser haben der Veröffentlichung zugestimmt.

 

In einer Mail vom 08.08.2003, adressiert an die Evangelische Kirche in Deutschland stellte ich die Frage, wie die Kirche zu den geplanten Änderungen steht. Hier nun die Antwort:

Mail von Dr. Jens Kreuter, Referent für sozial- und gesellschaftspolitische Fragen
Kirchenamt der EKD, vom 13.08.2003:

Sehr geehrte Frau Tan,

vielen Dank für Ihre e-mail und Ihr Engagement.

Die Einführung der Fallpauschalen (DRGs) in den Krankenhäusern wird von der EKD und ihrer Diakonie, speziell den Experten im Deutschen Evangelischen Krankenhausverband, seit langem sehr aufmerksam und sehr kritisch beobachtet. Es ist schon jetzt deutlich, dass es eine ganze Reihe von Fallkonstellationen geben wird, bei denen die Fallpauschalen in ihrer jetzigen Fassung nicht funktionieren werden - so ist zum Beispiel bisher keine erhöhte Vergütung für den (zweifellos gegebenen) erhöhten Aufwand bei der Behandlung behinderter Menschen vorgesehen. Deshalb haben wir uns auch schon mehrfach kritisch geäußert.

Zu den Bereichen, die nach dem gegenwärtigen Stand der Planung nicht angemessen bei der Errechnung der Fallpauschalen berücksichtigt worden sind, gehört in der Tat auch die Neonatologie. Allerdings ist dieses Jahr ausdrücklich als Testlauf gedacht, nach dem die konkreten Erfahrungen der Kliniken ausgewertet werden sollen und es zu Änderungen kommen soll. Ich denke, wir können sicher sein, dass die GNPI, auf deren homepage Sie ja hinweisen, ihre Erfahrungen dann einbringen wird.

Ich glaube jedenfalls nicht, dass man zum jetzigen Zeitpunkt wirklich sagen kann, die Bundesregierung plane "drastische Einsparungen in der Betreuung und der medizinischen Versorgung von Frühgeborenen" oder gar von "Selektion" sprechen sollte. Die Bundesregierung plant Strukturveränderungen im Gesundheitswesen und ist bei dem Versuch der Pauschalisierung und Vereinfachung in ihrem ersten Entwurf über das Ziel hinausgeschossen, bittet aber ja ausdrücklich um Erfahrungsberichte aus der Praxis, um ihr System vor der endgültigen Einführung überarbeiten zu können. Das ist sicher nicht besonders geschickt, und die Kinderärzte weisen ja darauf hin, dass sie schon früher darauf aufmerksam gemacht haben, aber bei so einer Testphase kann man, finde ich, auch mal etwas testen, was noch nicht völlig ausgereift ist.

Allerdings müssen wir alle natürlich sehr wachsam sein, dass bei der Überarbeitung der DRGs diese Erfahrungen dann auch tatsächlich berücksichtigt werden. Sollte sich abzeichnen, dass dies nicht geschehen könnte, dann würde die EKD ganz sicher bei den ersten sein, die dagegen sehr massiv protestieren würden. Deswegen bin ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie das Thema weiterhin aufmerksam verfolgen und finde es auch eine gute Idee, wenn Sie Ihren Bundestagsabgeordneten schreiben und Ihre Sorge über dieses Problem dort mitteilen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr
Jens Kreuter

 

 

Folgende Fragen habe ich in meiner Mail vom 22.08.2003 an Herr Brunnhuber gestellt:

1.Wenn die Berechnungen unverändert bleiben, was bringt das in Zukunft für Vorteile und was für Nachteile? Bringt es überhaupt Vorteile?
2. Wurden bei den Planungen Alternativen der Kostendeckung miteinbezogen? Wenn ja, was für welche?
3.Besteht die Möglichkeit, dass die Pauschalen noch einmal verändert werden?
4. Bekanntlich entwickelt sich jedes Kind individuell, Probleme können bei jedem Kind auftreten, warum hat man sich dann so auf ein Geburtsgewicht "fixiert"?
5. Wie steht Ihre Partei zu diesen Änderungen?
6. Ist die optimale Betreuung und Versorgung trotz der Fallpauschale bei Extrem-Frühchen (unter 1000g) auch in Zukunft gewährleistet oder eher gefährdet?
7. Müssen Eltern damit rechnen, Behandlungskosten während des langen Klinikaufenthaltes, teilweise selber zu tragen?

Antwort:

Mail von Georg Brunnhuber (MdB) - Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Aalen - Heidenheim vom 04.09.2003:

Sehr geehrte Frau Tan,

haben Sie recht herzlichen Dank für Ihre email vom 22. August 2003. Ich
freue mich, dass Sie sich in diesem wichtigen Themenfeld engagieren.
Sehr gerne möchte ich Ihnen meine Sicht zu diesem überaus wichtigen
Thema darstellen.

Zu den wichtigsten Leistungen der Krankenversicherung gehört die
Gewährung von Krankenhausbehandlung. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion
setzt sich dafür ein, dass dies auch in Zukunft so sein wird. Speziell
die Versorgung von Frühchen muss nach dem bestmöglichsten Standard und
nach höchsten Versorgungsqualitätsansprüchen erfolgen. Bei der
Einführung der so genannten Fallpauschalen durch die rot/grüne
Bundesregierung hat die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ihre Bedenken
deutlich gemacht (vgl. Entschließungsanträge Bundestagsdrucksachen
14/7843 und 15/1012).

Deshalb begrüßen wir die Veränderungen, die im neuen
Fallpauschalengesetz vorgenommen werden sollen, auch wenn sie aus
unserer Sicht nicht weitreichend genug sind. Wie Sie sicherlich wissen,
haben die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Spitzenverbände der
Krankenkassen und der Verband der privaten Krankenversicherung gemeinsam
als Partner der Selbstverwaltung das Institut für das Entgeltsystem im
Krankenhaus gGmbH (InEK) beauftragt, einen strukturierten Dialog zur
Einbindung des medizinischen, wissenschaftlichen und weiteren
Sachverstandes durch ein geregeltes Verfahren zu implementieren. Bis zum
31. März 2003 konnten Vorschläge eingebracht werden, die nunmehr geprüft
werden. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird diesen Prozess weiter
konstruktiv begleiten und darauf drängen, dass Bedenken, wie sie von
Ihnen formuliert wurden, vollständig ausgeräumt werden können.

Ganz sicher ist jedoch, dass es auch durch das neue Fallpauschalengesetz
nicht dazu kommen wird, dass Eltern Behandlungskosten, die während eines
längeren Klinikaufenthaltes entstehen, in Zukunft übernehmen müssen.
Eine optimale Betreuung und Versorgung der Frühchen wird auch in Zukunft
gewährleistet bleiben.

Sehr geehrte Frau Tan, gerade die Versorgung unserer kleinsten
Mitbürgerinnen und Mitbürger liegt uns besonders am Herzen. Ich werde
mich persönlich dafür einsetzen, dass ihnen auch in Zukunft die
bestmögliche Behandlung und Versorgung zukommen wird.

Mit freundlichen Grüßen
Georg Brunnhuber MdB

 

 

Meine Mail vom 14.08.2003, adressiert an das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung enthielt folgende Fragen:

was ist, bezgl. der Fallpauschalen bei Frühchen geplant, was bringt es für Vorteile? Gibt es auch Nachteile? Was soll sich in der Realität ändern? Müssen Familien damit rechnen, finanziell selber für ihre Kinder, die die Behandlung dringend benötigen, aufzukommen? Gibt es andere Länder, in denen die DRG's angewand werden und wie sind da die Erfahrungen?

Am 09.09.2003 bekam ich dann folgende Antwort per Post, bearbeitet von Dr. Thomas Braun, unterschrieben von Ferdinand Rau:

Sehr geehrte Frau Tan,

vielen Dank für Ihre E-Mail vom 14. August 2003 zur Vergütung von Frühgeborenen im DRG-System. Die auf Grund vordringlicher Gesetzgebungsarbeiten verzögerte Antwort bitte ich dabei zu entschuldigen.

Mit der Einführung eines diagnose-orientierten Fallpauschalensystems (auch DRG-System, Diagnosis Related Groups) wird die Vergütung von Krankenhausleistungen von einer überwiegend tagesbezogenen Vergütung auf ein leistungsorientiertes, pauschaliertes Entgeltsystem umgestellt. Im Jahr 2004 sind die Fallpauschalen erstmals verpflichtend von den Krankenhäusern anzuwenden. Der erste für das Jahr 2003 geltende Fallpauschalen-Katalog, der auf freiwilliger Basis von den Krankenhäusern angewendet werden kann, basiert noch weitgehend auf dem australischen Systems, das von den Bundesverbänden der Krankenhäuser und der Krankenkassen als Ausgangsgrundlage für die Entwicklung des deutschen Katalogs ausgewählt wurde.

Für das jahr 2004 wurde der Fallpauschalen-Katalog vollständig überarbeitet. Insbesondere im neonatalen Bereich sind umfangreiche Änderungen vorgenommen worden. Der nunmehr vorliegende erste DRG-Fallpauschalen-Katalog, der an deutsche Versorgungsstrukturen angepaßt worden ist, unterscheidet sich grundlegend von dem australischen , der für das Jahr 2003 gilt. Für die neonatologischen Leistungen (Neugeborene) stehen im neuen Katalog insegesamt 38 Fallpauschalen zur Verfügung, d.h. 14 mehr als bisher. Weitere Informationen finden Sie auf den Internetseiten des zuständigen DRG-Instituts (http://www.g-drg.de).

Aussagen über finanzielle Auswirkungen der DRG-Fallpauschalen, die auf Basis des australischen Kataloges für das Jahr 2003 gemacht werden, sowei das Außer-Acht-Lassen der in den jahren 2003 und 2004 noch bestehenden Budgetneutralität, die dazu führt, dass den Kliniken durch die DRG-Abrechnung nicht mehr oder weniger Geld zur Verfügung stehen, sind nicht seriös. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass die Vergütungshöhe der Fallpauschalen jedes Jahr neu kalkuliert werden muss (§17b Abs. 2 Satz 1 des Krankenhausfinanzierungsgesetzes).

Zu den in der Presse geäußerten Befürchtungen, dass die Behandlungen von Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm durch DRG-Fallpauschalen nicht mehr finnaziert wird, ist folgendes anzumerken: Der für das Jahr 2003 ebenfalls noch aus Australien übernommene Eingruppierungsmechanismus von Patienten in die jeweilige Fallpauschale sieht vor, dass Frühchen bei einem zu geringen Geburtsgewicht nicht automatisch in eine abrechenbare Fallpauschale eingestuft werden. Die Vergütung ist dann gesondert mit den Kassen, die auch in diesem Fall zahlungspflichtig sind, abzuklären. Behauptungen, dass Leistungen, die im Fallpauschalensystem nicht automatisch gruppierbar sind, nicht mehr finanziert werden, entbehren jeder sachlichen, rechtlichen und moralischen Grundlage. Im Jahr 2004 können Frühchen bis 300 Gramm automatisch gruppiert werden.

In Verbindung mit der budgetneutralen Einführung ist somit auch unter DRG-Bedingungen sichergestellt, dass die Versorgung uneingeschränkt und in gleicher Qualität wie bisher möglich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

Ferdinand Rau


 

 

Links erscheint kein Menü? Bitte hier klicken!